Gisbert Beck – 15.000 Tage
Der erste Amoklauf – ein Schock fürs Leben.
Heute ist es 15.000 Tage her, dass ein Amoklauf tiefe Spuren in meinem Gefühlsleben und meinen Gedanken hinterlassen hat. Für immer.
Der erste, spontan notierte Titel dieses Beitrags lautete: „Vor 15.000 Tagen wurde ich Opfer eines Amoklaufs.“ Das stimmt, so fühlt es sich an. Und doch finde ich den Titel unpassend und unangemessen, vor allem, weil ich eines der kleinsten, unwichtigsten Opfer dieses Horrors bin, geradezu vernachlässigbar, ohne unmittelbare Betroffenheit. Die wahren Opfer, derer ich immer wieder gedenke, die die fünf Getöteten, die 14 Verletzten, deren Angehörige und Freunde, die Kinder, die diesen Horror miterleben mussten, die Lehrer, die Helfer, Einsatzkräfte, die Menschen in der Gemeinde… Was für ein großes, unermessliches Leid.
Am 3. Juni 1983 wurden viele Menschen Opfer eines Mörders in einer Schule in Eppstein-Vockenhausen.
Elf Jahre war ich alt, als ich von diesem schrecklichen Ereignis erfuhr. Es war ein Schock, der mich seit 41 Jahren immer wieder einholt. Nicht auszudenken, wie es wohl den Hinterbliebenen geht.
Was habe ich nun mit alldem zu tun? Meine persönliche Verbindung zu diesem Ereignis ist der Polizist Gisbert Beck. Zusammen mit einem Kollegen war er mit der Jugendverkehrsschule des Main-Taunus-Kreises immer wieder in meiner Grundschule zu Gast, um uns Kindern das richtige Verhalten im Straßenverkehr beizubringen. Die Grundschule Hattersheim hatte einen zur Hauptstraße gelegenen geteerten Schulhof, der mit Straßenlinien für solche Zwecke bemalt war. Die Polizisten hatten Fahrräder dabei, Ampeln, Schilder und alles, was für die Simulation der echten Verkehrswelt da draußen wichtig war. Sie kamen mit einem Lkw von Mercedes-Benz – das war nicht wichtig, aber sowas merkte sich der Junge eben – und hatten mich sehr beeindruckt. Vor allem Gisbert Beck, damals 43 Jahre alt und aus meiner Perspektive schon ein alter Erwachsener, als Polizist noch eine besondere Respektsperson. Er war schlanker als mein Opa, erinnerte mich aber vom Gesicht und seiner Art an ihn. Das gab bei mir von vornherein Sympathiepunkte. Auch in Erinnerung geblieben ist mir seine wunderbare Art, mit uns Kindern umzugehen. Verständliche Erklärungen, unermüdliche Geduld, Zugewandheit, eine angemessene Strenge bei der Vermittlung von Regeln und dem Erläutern von Gefahren, und dabei immer von einem positiven, freundlichen Gemüt. Der Typ war sensationell und ich fand (und finde) ihn weltklasse. Was für ein toller Polizist und Pädagoge! Herr Beck ist ein Held meiner Kindheit.
Aus der Grundschule war ich raus, als ich auf mir heute nicht mehr bekanntem Wege vom Tode Becks erfuhr. In den Nachrichten kamen Berichte, vom toten Lehrer, von den toten Schülern – meinesgleichen! – unfassbar – und schließlich die Gewissheit, dass ein Held meiner Kindheit umgebracht worden war. Hessenschau? Tagesschau? Ich weiß es nicht mehr, erinnere mich nur schemenhaft an fragmentarische Bildreste, die sich in meinem Hirn eingebrannt haben.
Das saß. Und es sitzt bis heute, denn Gedanken an die Tat, die Opfer und insbesondere Gisbert Beck kommen immer wieder hoch.
Den 40. Jahrestag letztes Jahr habe ich verpasst. Doch die Tage habe ich berechnet. Und so sind es heute eben 15.000 Tage. Auch ein würdiger Zeitpunkt, der Opfer zu gedenken.
In memoriam
Stefanie Herrmann
Javier Martinez
Gabriele Siebert
Hans-Peter Schmitt
Gisbert Beck
Lieber Herr Beck, ich werde Sie nie vergessen!
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